IIRF Bulletin Jahrgang 2, Heft 8 (März 2013)

By: Thomas Schirrmacher

Wenn indische Dalits zum Christentum oder Islam konvertieren, verlieren sie verfassungsmäßige Garantien und Sozialhilfe

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit sucht Sponsoren für ein Forschungsprojekt, dass sich mit der Verquickung der Unterdrückung der Dalits in Indien und mit der zunehmenden Christenverfolgung in Indien beschäftigen soll. Worum geht es dabei vor allem?

„Die Zahl der hinduistischen Dalits wird auf über 160 Millionen geschätzt, zusammen mit den muslimischen, buddhistischen und christlichen ,Unberührbaren‘ sind sie ca. 240 Millionen und damit fast ein Viertel der indischen Bevölkerung. Bis heute erleben sie von Kasten-Indern häufig massive Diskriminierung, teilweise auch Verfolgung und Gewalt. Sie stehen zum Teil außerhalb des Kastensystems oder auf dessen untersten Stufen und werden deshalb als ‚unrein‘ oder ‚unberührbar‘ betrachtet. Besonders in ländlichen Gegenden ist diese Diskriminierung, die im Westen oft als eine Form des Rassismus oder der Sklaverei angesehen wird, bis heute Realität. Dies kann so weit gehen, dass man selbst die Berührung mit ihrem Schatten meidet. Immer wieder werden sie Opfer von Gewalt und Landraub.“

400.000, vielleicht 800.000 Dalits reinigen bis heute täglich Latrinen mit bloßen Händen.

Dalits, die zum Islam oder Christentum konvertieren, verlieren in Indien ihren Rechtsstatus als Dalits und damit die ihnen eigentlich nach Verfassung und Gesetz zustehende finanzielle und rechtliche Unterstützung. Mit der Logik, dass sie als Muslime oder Christen ja nicht mehr zur untersten Kaste des Hinduismus gehören, werden ihnen verfassungsmäßige Rechte gestrichen. Merkwürdigerweise gilt dies nicht für Dalits, die Buddhisten oder Sikhs werden, zumindest sieht das die Verfassung so – die Realität ist hier auch oft anders.

Das zumindest ist die Klage einer der beiden großen internationalen Vereinigungen von Dalits mit Menschenrechtlern, die es weltweit gibt, dem Dalit Freedom Network (www.dalitnetwork.org) unter Leitung seines internationalen Präsidenten Joseph D‘souza. Die andere internationale Vereinigung International Dalit Solidarity Network (IDSN) (www.idsn.org) mit der Kernorganisation in Indien selbst National Campaign on Dalit Human Rights (NCDHR) (www.ncdhr. org.in) und dem deutschen Zweig Dalit Solidarität in Deutschland (DSiD) (www.dalit.de) ist in der Frage zurückhaltender, widerspricht der Analyse aber nicht.

Doch immer wieder taucht die Frage auf, ob diese extreme Diskriminierung von Christen und Muslimen wirklich sowohl in der Verfassung und den Gesetzen vorgegeben ist, als auch in der Realität praktiziert wird und viele Dalits unmittelbar betrifft. Als erste Begründung für das Forschungsprojekt dienen Aussagen in einschlägigen Untersuchungen zur Lage der Dalits.

Die am Sitz der UNO in New York beheimatete internationale Menschenrechtsorganisation veröffentlichte 1999 unter dem Titel ‚Broken People – Caste Violence‘ den ersten großen Menschenrechtsbericht über die Lage der Dalits in Indien (und in indischen Gemeinschaften weltweit), der vom Hohen Kommissar für Menschenrechte der UN bis heute auf der Webseite veröffentlicht wird. Human Rights Watch und das Center for Human Rights and Global Justice (CHRGJ) an der New York University School of Law haben dann 2007 dem UN Committee on the Elimination of Racial Discrimination (CERD) eine Stellungnahme zu den Berichten des Staates Indien vorgelegt, da der acht Jahre zu spät eingegangene Bericht Indiens keinen einzigen wirklichen Übergriff gegen Dalits erwähnte. Der HRW-Bericht gilt als einer der besten Berichte zur Lage der Dalits aus menschenrechtlicher Sicht. Zur Religionsfreiheit der Dalits gibt es folgenden längeren Abschnitt, hier nach einer Übersetzung von Josef Jäger, Bad Ischl.