IIRF Bulletin 2014/1

By: Tessa Hofmann

Christenverfolgung in Armenien (1894–1941)

Die Synergie von nationalistischem Völkermord und stalinistischer Religionsunterdrückung

Dieser Beitrag handelt vom Zusammenwirken zweier ursächlich unabhängiger historischer Vorgänge: 1) den Verfolgungen von Christen osmanischer Staatszugehörigkeit an der Wende des 19. zum 20. Jh., die während der letzten Dekade osmanischer Herrschaft (1912–1922) in einem Genozid gipfelten, sowie 2) der antireligiös motivierten Verfolgung von Christen in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre. So unterschiedlich in beiden Fällen die Motive der Verantwortlichen waren, besitzen sie doch jeweils in der Transformation eines feudalen Vielvölkerstaates – des Osmanischen sowie des Russischen Reiches – einen gemeinsamen historischen Rahmen.

Beide benachbarte Staaten – das Osmanische und das Russische Reich – trugen autoritäre Züge, die von den in den 1920er Jahren etablierten Nachfolgestaaten totalitaristisch erweitert werden. Hierzu gehörten EinParteien-Regime ebenso wie der auch im Europa der ersten Hälfte des 20. Jhs. verbreitete Führerkult, der in der Türkei als Kult um den Staatsgründer Mustafa Kemal bis heute andauert.

Bevor wir uns dem Verlauf und den Ergebnissen des Zusammenwirkens von Genozid und stalinistischer Verfolgung in der Geschichte Armeniens zuwenden können, ist kurz nach den Hauptwesenszügen der armenischen Geschichte und der Bedeutung der Christianisierung Armeniens zu fragen, denn nur so kann die Schwere des Verlustes ermessen werden.